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Neglect Therapie

Bei der Therapie ist es besonders wichtig, dass alle beteiligten Therapeuten und auch die Angehörigen mit in die Behandlung einbezogen werden. Grundsätzlich sollte die betroffene Seite möglichst immer mit berücksichtigt werden und der Betroffene selbst sollte immer wieder darauf hingewiesen werden, die vernachlässigte Seite mit einzubeziehen. Es geht darum, die vernachlässigten Seite wieder ins Bewußtsein des Betroffenen zu bringen.


Konkret kann das folgendes heißen:
Sprechen sie ihren erkrankten Angehörigen in der Regel von der betroffenen Seite aus an, setzen sie sich auf die betroffene Seite und fordern sie ihren Angehörigen auf, sich Ihnen zuzuwenden und die vernachlässigten Körperteile mitzuführen. Bei schwerstgradigen Ngelctsyndromen kann das aber auch noch zu überfordernd sein. Bitte besprechen Sie die Vorgehensweise mit ihren Therapeuten.
Das Zimmer sollte so gestaltet sein, dass das Bett mit der gesunden Seite des Betroffenen zur Wand gestellt wird und sich beispielsweise das Nachtschränkchen auf der vernachlässigten Seite befindet. Auch das Radio oder der Fernseher sollten möglichst auf der vernachlässigten Seite stehen (Ausnahme bei schwerstgradigen Neglectsyndromen; s.o.).

Es gilt, die vernachlässigte Seite "scheibenwischerartig" zurück zu erobern.

Physio- und Ergotherapeuten beziehen die vernachlässigte Körperseite mit in die Therapie ein.
Auch im Rahmen der Pflege sollten alle Handlungen über die betroffene Seite erfolgen, beispielweise bei der Unterstützung der Körperpflege oder aber beim Anreichen von Getränken oder Nahrung.

Wissenschaftlich gut untersucht ist die Therapie mittels optokinetischer Stimulation. Auf einem Bildschirm werden Reize schnell von rechts nach links laufen gelassen. Der Betroffene schaut auf den Bildschirm und lässt die Reize auf sich wirken.

Im Verlauf der Therapie wird auch oft geübt, die Augen bewusst mitzubewegen. Die sich bewegenden Reizen bewirken einen Augenfolgebewegung und eine starke Stimulation im Gehirn. Die Aufgabe ist für Betroffene sehr anstrengend.

Ein Training der Daueraufmerksamkeit kann sich zusätzlich positiv auf den Neglect auswirken. Dies können, neben Computergestützten Übungen, auch einfache Aufgaben sein, bei denen sich der Betroffene längerfristig konzentrieren muss.

Im Rahmen der neuropsychologischen Therapie wird unter anderem mit dem sogenannten visuellen Explorationstraining gearbeitet. Hierbei geht es darum, dass der Betroffene wieder lernt, die vernachlässigte Seite zu erkunden und mit einzubeziehen. Dies geschieht beispielsweise mit visuellen Suchaufgaben, durch das Kopieren von vorgegebenen Bildern oder dem Abschreiben und Lesen von Texten. Dies sind natürlich auch Übungen, die Betroffene sowohl in der Klinik als auch Zuhause zusammen mit Angehörigen durchführen können. Beispielsweise können mehrere Gegenstände auf dem Tisch verteilt werden, die dann visuell gesucht werden. Unterstützend kann der Betroffene auch nach den Gegenständen greifen. Bei Leseübungen kann es helfen, den Finger mitzuführen und bewusst Zeile für Zeile abzufahren.
Gelegentlich kommen spezielle Brillen als Hilfsmittel  in der Therapie des Neglects zum Einsatz. Dabei werden die Brillengläser auf der nichtbetroffenen, also meist rechten Seite, verdunkelt. Dadurch wird der Betroffenen gezwungen, nach Reizen in der linken Hälfte zu suchen.

Weiter gibt es Prismenbrillen, die die gesehen Objekte verschieben. Mit der Brille werden dann Zeigeübungen durchgeführt. Nach dem Absetzen führt das zu einer veränderten Aufmerksamkeit. Sie helfen, die Auswirkungen eines Neglects zu verbessern.

Bei der Behandlung der bereits beschriebenen Anosognosie (mangelnde Krankheitseinsicht) ist es wichtig, dass der Betroffenen wiederholt mit alltagsnahen Erfahrungen konfrontiert wird. Eine frühe Mobilisation des Betroffenen, also die frühe Förderung eigenständiger Bewegungsfähigkeit, gibt ihm die Gelegenheit, seine eigenen Beeinträchtigungen, aber auch noch vorhandene Fähigkeiten, zu erfahren. Hilfreich kann es sein, dem Betroffenen zeitnahe Rückmeldungen über seine Beeinträchtigungen zu geben, beispielsweise, wenn er an einen Türrahmen gestoßen ist oder aber Dinge übersehen hat. Hier sollten wieder möglichst alle am therapeutischen Prozess Beteiligten, und auch Mitpatienten z.B. in Gruppensitzungen, mitwirken. Gegebenenfalls können Videoaufnahmen sinnvoll sein.

Wichtig für eine erfolgreiche Therapie ist es, andere mögliche Ursachen für die beschriebenen Beeinträchtigungen auszuschließen. Dies können zum Beispiel ein Gesichtsfeldausfall oder aber tatsächlich vorhandene Lähmungen oder Schwerhörigkeit sein. Da in diesen Fällen andere Therapien eingesetzt werden müssen, wird eine ausführliche neuropsychologische Diagnostik zur Abgrenzung eingesetzt. Wichtig ist besonders die Unterscheidung zwischen einem Neglect (in der Regel viele Bereiche) und reinen Gesichtsfeldausfällen. Während der Gesichtsfeldausfall, auch Hemianopsie genannt, eine reine Sehstörung ist und somit eine Störung der Wahrnehmungsfunktionen, liegt beim Neglect eine Störung der Aufmerksamkeit vor. Und dies, wie bereits beschrieben, nicht nur für visuelle Reize sondern auch für andere Sinneswahrnehmungen. (Für weitere Informationen siehe auch Kapitel Gesichtsfeldausfälle)

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