Schriftgröße ändern können Sie hier:

Aa- , Aa , Aa+

Wörterbuch

Restitution
lat. Restitutio = Wiederherstellung)
sensorisch
die Sinne betreffend
motorische
die Bewegung betreffend
Kompensation
lat. eine Sache gegen eine andere abwiegen, Einsatz von Ersatzstrategien
 

Arten der neuropsychologischen Therapie

 

Die Restitution ist eine komplette oder teilweise Wiederherstellung einer Hirnleistung. Diese erfolgt vor allem in der Akutphase. Deshalb ist es wichtig mit der Rehabilitation, wenn möglich, möglichst frühzeitig zu beginnen. Die Restitution erfolgt über die neuronale Plastizität des Gehirns. Das bedeutet, das Gehirn kann durch wiederholte Übungen einer bestimmten Hirnleistung neue Verbindungen aufbauen und so die Hirnfunktion teilweise oder vollständig wiederherstellen. Die Restitution erfolgt über zwei Arten

 

  1. Die unspezifische Stimulation: dies ist eine nicht zielgerichtete sensorische oder motorische Anregung durch Angehörige, Pflegekräfte oder auch Fernsehen und Radio. Das bedeutet, mit dem Betroffenen wird geredet und im besten Fall auch schon ein Gehtraining absolviert, wenn auch nur einmal im Zimmer umhergegangen wird.
  2. Die spezifische Stimulation: diese besteht aus einer intensiven, hochfrequenten und langandauernden Übung. Oft kann dies vor allem zu einer Verbesserung von Wahrnehmungs- und Aufmerksamkeitsprozessen führen. Aber auch andere Bereiche können durch langandauerndes und regelmäßiges Training stark verbessert werden. Hierbei ist jedoch eine hohe Motivation und Leistungsbereitschaft des Betroffenen wichtig. Oft werden nämlich die immer gleichen Übungen als langweilig erlebt, sind aber wichtig um Fortschritte im Therapieprozess zu erreichen.

Die Kompensation (lat. Compensare= eine Sache gegen eine andere abwiegen) bezeichnet den Einsatz von Ersatzstrategien durch die Verwendung anderer intakter Hirnleistungen oder dem Nutzen von Restfunktionen. Das Ziel ist es hier, die beeinträchtigte Funktion (z.B. das Gedächtnis) über Umwege (z.B. Listen, Kalender, Erinnerungszettel) wieder verfügbar zu machen. Die Kompensation erfolgt meist nach der Akutphase. Wie schon im Beispiel beschrieben, werden bei der Kompensation externe Hilfen (Gedächtnistagebuch, Einkaufszettel, Erinnerungen im Handy) eingesetzt. Die neuropsychologische Therapie fördert außerdem geistige Funktionen, welche die Betroffenen brauchen, um wieder beruflich tätig zu werden. Kann eine Restitution nicht vollständig erfolgen, gehört zu den Kompensationsstrategien auch die Anpassung des Arbeitsplatzes und der Arbeitsbedingungen (Teilzeitarbeit, weniger anspruchsvolle Arbeit, ruhige Räume mit wenig Ablenkungsreizen). Wichtig ist hier, dass nicht zu früh Kompensationsstrategien angewendet werden. Das Gehirn hat – auch nach einer Schädigung – häufig noch viel Potential, Fähigkeiten wiederherzustellen oder andere Areale als „Ersatz“ zu verwenden. Erfolgt lange keine Besserung ist es jedoch aufjedenfall sinnvoll, Kompensationsstrategien anzuwenden, um eine Überforderung und eventuell daraus resultierende psychische Probleme zu vermeiden.

Der dritte noch nicht vorgestellte Pfeiler der neuropsychologischen Rehabilitation nennt sich „integrierte Verfahren“. Dies sind Psychotherapieverfahren wie z.B. Einzel- oder Familientherapiesitzungen.
Nun kommt bei einigen vielleicht als erstes die Frage auf: Was hat das mit meinem Schlaganfall und meinen körperlichen Problemen zu tun? Vor allem gibt es vier Gründe, warum der Einsatz integrierter Verfahren sinnvoll ist:

  1. Häufig werden Betroffene nicht wieder ganz gesund. Es bleiben Reststörungen, die ein komplett unterschiedliches Ausmaß haben. Doch egal ob nur noch kleine oder größere Probleme weiterbestehen, sie bestehen weiter. Und dies muss akzeptiert werden. Vielen Betroffenen fällt es schwer zu akzeptieren, dass einige Probleme eventuell nie wieder verschwinden. Und dort setzt die Psychotherapie an und kann eine große Hilfe darstellen.
  2. Gerade bei neuropsychologischen Defiziten ist nicht immer die Einsicht der Betroffenen in das Defizit gegeben. Eine Aufmerksamkeitsstörung ist nichts Greifbares, wie z.B. eine körperliche Lähmung, die man sehen und spüren kann. Auch hier kann eine Aufklärung über die Störung eine große Hilfe darstellen.
  3. In vielen Fällen kann es auch zu kurzfristigen „normalen“ Stimmungskrisen bis hin zu  einer längerfristigen psychischen Störung (z.B. zu einer Depression oder Angststörung) als Reaktion auf das neuropsychologische Defizit oder auf den Schlaganfall kommen. Hier kann eine Psychotherapie helfen, um über diese Probleme zu reden und Lösungen für diese zu finden.
  4. Weiterhin können Hirnverletzungen zu geistigen und Verhaltensstörungen führen. Das bedeutet, der Betroffene kann nach dem Schlaganfall eine „völlig andere Person“ sein als davor. Dies ist nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern meist auch für die Angehörigen sehr schwer zu verstehen. Auch der Umgang mit dem Betroffenen kann durch eine solche Störung häufig erschwert sein. Hier können vor allem eine Beratung der Familie oder Familientherapiesitzungen eine Hilfe sein.

Wir hoffen, wir konnten zu einem kleinen Einblick und einem besserem Verständnis für das Feld der Neuropsychologie beitragen. In den folgenden Teilen des Ratgebers werden wir versuchen, Ihnen einige neuropsychologische Strategien an die Hand zu geben. Oft ist ein regelmäßiges Training (und wenn möglich natürlich auch zuhause) unerlässlich, deshalb möchten wir hiermit versuchen, Ihnen dieses mit hilfreichen und alltagsnahen Tipps zu erleichtern.

zurück

weiter